Technologie 08.04.2021

In Echtzeit vom Zuschauer zum Mitspieler

Robert Rathnow, Head of Unreal Development

Unreal & Pixelstreaming: Technologien aus dem Gaming revolutionieren die digitale Immobilienvermarktung 

Der Markt gibt es vor: Größtmögliche Transparenz und eine gute Portion Erlebnis werden bei Kaufentscheidungen immer zentraler. Eine Entwicklung, vor der sich auch die Immobilienvermarktung nicht mehr verstecken kann. Neueste Technologien aus der Gaming-Welt setzen genau hier an und heben nun virtuelle Rundgänge auf ein neues, ungekannt stimmungsvolles Level – und das leicht zugänglich von der heimischen Couch aus. 

Der B-VR-Entwickler Robert Rathnow erweckt genau diese Möglichkeiten zum Leben. Im Interview erzählt er uns mehr über seine Arbeit, die neuen Möglichkeiten und Chancen, die die Gaming-Branche für die Immobilienvermarktung eröffnet – und warum die mehr mit einer Autofahrt als mit einer Zugfahrt gemein haben.

Unreal Developer, das klingt ja doch sehr technisch. Was macht ein Unreal Developer in der Immobilienvermarktung?

Ich entwickle Tools zur digitalen Vermarktung von Immobilien. Das sind z. B. Wohnungsrundgänge oder der Navigator auf der Basis von Unreal.

Was ist denn eigentlich Unreal?

Unreal wurde von Epic Games als Entwicklungsumgebung für das Gaming entwickelt. Die Prämisse ist bis heute, dass es als Open-Source-Lösung für jeden verfügbar sein soll. Mit einer schnell wachsenden Community hat die Unreal Engine sich über die Jahre zu einem der führenden Entwicklungsplattformen für Realtime-Anwendungen entwickelt. Viele unserer technischen Tools kommen ja aus anderen Bereichen, da der Markt für Architekturvisualisierung einfach nicht gross genug ist, um eigene Software zu entwickeln. Also nehmen wir bereits Existierendes und “bauen” es für unsere Zwecke um.

In anderen Branchen wie der Automobilindustrie setzt man schon länger auf Unreal. Dort ist es die Grundlage für alle Konfiguratoren. Wenn ich mir also mein Wunschauto zusammenstellen möchte und einzelne Komponenten anklicken kann, liegt dahinter immer ein 3D-Unreal-Modell des Autos

Was ist das Besondere an Unreal?

Die Entwicklung in Unreal ermöglicht viele neue und spannende Ansätze, immersive Produkte zu erschaffen, die einen hohen Grad an Realismus und Funktionalität bieten. Unreal ist erst einmal sehr technisch, gerade wenn es um die Implementierung von Funktionalität geht. Der grosse Vorteil an der Entwicklung in Unreal ist, alles was angepasst wird, geschieht in Echtzeit. Egal, ob es um Materialanpassungen oder Lichtveränderung geht, man sieht sofort die Ergebnisse und kann diese bis ins kleinste Detail ausarbeiten. Besonders bei Rundgängen kommt dies zum Tragen.

Rundgänge gibt es doch schon eine ganze Weile. Was hat Unreal denn konkret mit Wohnungsrundgängen zu tun?

Richtig, Rundgänge gibt es schon länger. Aber das sind Rundgänge auf der Basis von 360-Grad-Panoramen. Das ist bei den meisten Herstellern heute immer noch der Standard. Klassische Rundgänge, wie man sie kennt, bieten nur einen begrenzten Bewegungsradius zu vordefinierten Punkten. 

Es ist als würde man mit einem Zug fahren statt mit einem Auto. Man kann immer nur an vorgeschriebenen Orten aussteigen und sich umsehen. Und dann muss man wieder in den Zug, um zum nächsten geplanten Ort zu kommen. Man ist sehr eingeschränkt, in dem was man sich anschauen kann. Realtime bzw. Unreal sprengt diese Grenzen und ermöglicht es, sich frei zu bewegen. Es ist wie Autofahren: Ich kann selbst entscheiden, wo ich halte, was ich mir ansehe. Und wenn ich Lust habe, kann ich auch über den Acker donnern.

Das hat mir schon immer gut gefallen. Deshalb habe ich bereits vor Jahren angefangen, mich um die Weiterentwicklung von Rundgängen zu kümmern, sodass wir jetzt Rundgänge ausschliesslich auf der Basis von Unreal produzieren können.

Warum ist diese “freie” Bewegung so wichtig?

Nun, die Bewegung ist ja immer noch nicht ganz frei. Aber doch deutlich losgelöster. Die freie Bewegung entspricht der natürlichen Bewegungsform des Menschen. Wir kommen somit zum ersten Mal von der reinen Betrachtung zu einer virtuellen Begehung, tauchen also ein in die nicht existente Welt. Wie im realen Leben bilden Objekte wie Wände oder Möbel physikalische Hindernisse. So entsteht das Gefühl, man bewege sich tatsächlich in seiner zukünftigen Immobilie. Wenn man dann noch die VR-Brille aufsetzt, dann wird es ganz verrückt.

Das klingt spannend., aber ich könnte mir auch vorstellen, dass so viel Transparenz und “Realität” nicht unbedingt von jedem gewünscht ist. Wir sind ja schliesslich im Immobilien-Marketing.

Ja, das mag sein. Aber den Wunsch nach mehr Transparenz gibt der Markt vor. Dem können wir uns gar nicht entziehen. Bei B-VR entwickeln wir deshalb ganzheitliche digitale Lösungen, die diesem Wunsch entsprechen. Wir möchten hinkommen zu Produkten, die einen hohen Erlebniswert für den Endkunden und einen grossen Nutzen für den Vermarkter haben. Früher war man als Wohnungssuchender Betrachter dessen, was der Vermarkter zur Verfügung gestellt hat. Um beim Bild mit dem Zug zu bleiben, ich durfte von Bahnhof zu Bahnhof fahren, aber nicht aussteigen. Oder eigentlich habe ich noch nicht mal im Zug gesessen. Ich durfte mir nur die Postkarten von Lissabon oder Rom anschauen. Dann gab es noch eine Infobroschüre vom Tourismusverband und auf der Basis sollte ich dann entscheiden, was mir gefällt. Lange Zeit haben Visualisierungen und Exposés ausgereicht, um zu vermarkten. So etwas geht heute nicht mehr. Zu jedem Turnschuh finden Sie heute mehr Informationen im Netz. Und nicht nur das – auch spannende Tools, um diesen zu erleben, selbst zu gestalten. Da müssen wir hinkommen.

Klingt ja eigentlich super. Aber gibt es auch Nachteile?

Eigentlich kaum. Die einzige Limitierung, die wir derzeit haben, bezieht sich auf das Datenvolumen. Aber im Bereich Realtime ist der Fortschritt derzeit so rasend schnell, dass wir wöchentlich neue Techniken und Prozesse erarbeiten, um schneller fotorealistische Ergebnisse zu erschaffen. Noch vor ein paar Wochen hatten wir bei der Qualität scheinbar unlösbare Probleme. Über die reden wir jetzt schon gar nicht mehr.

Was sind denn das für technische Neuerungen, von denen Du da sprichst? Oder ist das so geheim, dass Du es uns noch nicht verraten willst?lingt ja eigentlich super. Aber gibt es auch Nachteile?

Nein, das ist überhaupt nicht geheim, ganz im Gegenteil. Wir sind gerade in der Beta-Phase mit einer Technik, die “Pixelstreaming” heisst. Diese Technik kommt auch wieder aus dem Gaming. Sie macht möglich, dass der User Unreal-Rundgänge ohne grossen technischen Zusatzaufwand betrachten kann. Wenn wir die Möglichkeiten, die uns Unreal bietet, umfänglich nutzen wollen, dann erhöht sich u. a. das Datenvolumen beträchtlich. Licht z. B. spielt bei Visualisierungen eine wichtige Rolle. Darüber wird ein Grossteil der Stimmung erzeugt. Mit Unreal können wir das Licht in Echtzeit so berechnen, dass es immer dem aktuellen Standpunkt des Users angepasst wird. Ein anderes Beispiel: Das freie, gleichmässige Durchschreiten des Raumes wird ebenfalls durch Unreal ermöglicht. Diese beiden Möglichkeiten verbrauchen wahnsinnig viel Rechnerleistung.

Das heisst, man braucht dafür extrem leistungsstarke Rechner?

Eben nicht mehr, deshalb setzen wir ja genau auf “Pixelstreaming” – um unsere Erlebnisse ohne grosse Anschaffung von Technik jedem zur Verfügung zu stellen. Man kann sich “Pixelstreaming” ein bisschen wie Netflix vorstellen, nur dass der “Zuschauer” zum “Mitspieler” wird. Gestreamt wird z. B. ein Rundgang in Form eines Videos. Der Vorteil dieses Videos ist jedoch, dass man es steuern kann. Und das in jeder Form, die wir definieren. Ob Licht, Materialien, Objekte, Grafiken. Den interaktiven Inhalten sind keine Grenzen gesetzt.

Wir wollen auf der einen Seite viel Transparenz schaffen. Auf der anderen Seite wollen wir den Erlebniswert stark ausbauen. Der Interessent soll sich vom eigenen Sofa ein umfassendes Bild machen können. Aber vor allem soll er emotional stark gebunden werden. Das hat den Vorteil für den Vermarkter, dass er nur noch Interessenten betreuen muss, die ein ganz konkretes Interesse am Objekt haben.

Kannst Du da bitte ein Beispiel nennen?

Was passiert denn normalerweise in einem belebten Raum? Da brennen Kerzen, der Fernseher läuft und in der Küche wird gekocht. Man stelle sich also ein Wohnzimmer mit Kamin vor. Draussen schneit es, warmes Licht erleuchtet den Raum, im Kamin flackert ein kleines Feuer und man hört das leichte Knistern des lodernden Holzes. Als man sich dem Fenster nähert, erspäht man im Schnee einen Hase, der durch den Garten hoppelt. Wie der Zufall es will, hat man in jenem Moment eine Kamera zur Hand, um diesen Moment festzuhalten. 

Das ist Unreal! Und Pixelstreaming macht es möglich, dass wir das unkompliziert sehen und erleben können.

Mit VR-Brille nehme ich an?

Nein, die braucht man nicht mehr. Die Rundgänge können Sie von jedem Endgerät anschauen, immer in der gleichen Qualität, auch mobil. Es gibt auch keine Anforderungen an die Technik. Das ist das Großartige an Pixelstreaming. Bevor es Pixelstreaming gab, brauchten auch die Gamer Hochleistungsrechner, teure Grafikkarten, mussten Programme installieren. Das braucht man heute alles nicht mehr, da es eine cloudbasierte Lösung ist. 

Unsere Erlebnisse können über diverse Medien betrachtet und gesteuert werden: klassisch per Maus oder Tastatur, per Gamepad, auf einem Touchscreen, dem Smartphone oder mit Controller und VR-Headset. Welcher der intuitivste Weg ist, das erarbeiten wir immer speziell für den Anwendungsfall. Wie schon gesagt, im Prinzip ist es so, als würde man streamen oder auf YouTube ein Video schauen. Die Internetverbindung, die dafür reicht, wird auch für die Rundgänge reichen. 

Apropos anschauen: Das Thema “kontaktlose Besichtigung” oder “Online-Besichtigung” ist ja momentan sehr aktuell. Für Vermarkter ist und bleibt ja der persönliche Kontakt sehr wichtig. Der wird bei digitalen Vermarktungen natürlich geringer. Mit den von uns entwickelten Rundgängen ist es aber möglich, dass sich Interessenten und Makler zusammen virtuell in der Wohnung verabreden und gemeinsam die Tour machen. Das finde ich sehr spannend, weil es den Erlebniswert stark erhöht.

Du sagtest, dass Ihr Euch noch in der Beta-Phase befindet. Was heisst das?

Im Prinzip funktioniert jetzt schon alles. Aber wie gesagt, wir bedienen uns immer der Technik aus anderen Bereichen und müssen diese für unsere Zwecke anpassen. Das tun wir gerade mit Hochdruck. In der Beta-Phase arbeiten wir bereits auf der B2B-Ebene mit unseren Kunden mit dieser Lösung. Wir machen z. B. die Feedback-Schleifen über diese Anwendung. Beta-Phase heisst ja immer: bis zur Marktreife testen. Und das können wir super mit diesem schon ziemlich nützlichen Tool.

Wann rechnest Du denn mit der Marktreife?

Ich denke, dass wir im späten Frühling so weit sind, im früher Sommer ganz sicher.

Kannst Du uns vielleicht noch einen Blick in die Zukunft gewähren? 

Im Prinzip funktioniert jetzt schon alles. Aber wie gesagt, wir bedienen uns immer der Technik aus anderen Bereichen und müssen diese für unsere Zwecke anpassen. Das tun wir gerade mit Hochdruck. In der Beta-Phase arbeiten wir bereits auf der B2B-Ebene mit unseren Kunden mit dieser Lösung. Wir machen z. B. die Feedback-Schleifen über diese Anwendung. Beta-Phase heisst ja immer: bis zur Marktreife testen. Und das können wir super mit diesem schon ziemlich nützlichen Tool.

Wann rechnest Du denn mit der Marktreife?

Schwierig zu sagen, ich bin auch kein Prophet. Und bei dem derzeitigen Entwicklungstempo haben wir ständig Neuerungen. Aber generell denke ich, dass die klassische Produktion durch die Produktion auf der Basis von Realtime abgelöst wird. Das Problem der schlechteren Qualität existiert schon heute nicht mehr und somit ist der Weg frei für Realtime. Die Vorteile sind jetzt schon enorm: mehr Funktionalität, mehr Flexibilität und unzählige Mehrwerte. Nach oben gibt‘s da eigentlich keine Grenzen.

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Titelbild: Depositphotos

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